Sonntag, 5. Juni 2011

Dalai Lama - Der Weg zum Glück


Der Dalai Lama ist nach der Lehre des tibetischen Buddhismus ein wieder geborener leibhaftiger Buddha. Eine Inkarnation des zur höchsten Einsicht gelangten Menschen. Diese Sicht auf den Dalai Lama machte für mich den Reiz an dessen Buch aus: Ich habe die Möglichkeit, die schriftlichen Darlegungen eines neuzeitlichen Buddhas zu lesen. Ein Heiliger, der nicht wie andere religiöse Lichtgestalten aus grauer Vorzeit durch historische Schriftstücke zu uns spricht, sondern uns ein lebendiger Zeitgenosse ist. Ein Buddha als Buchautor.
Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob der Dalai Lama wirklich eine Buddha-Inkarnation ist oder ein Heiliger ist. Das soll jeder für sich selbst entscheiden. Mitunter auch dadurch, dass man sein Buch liest. Der Dalai Lama bezeichnet sich schlicht als Mönch.

Der Titel des Buchs ist etwas unglücklich gewählt und erinnert etwas an die esoterischen Auswüchse diverser anderer unseriöser Autoren. Letztendlich geht es aber nicht alleine um die Erlangung persönlichen Glücks, was zwar auch auch ein Aspekt der Lehre des Dalai Lama ist („Jeder Mensch hat das Recht glücklich zu sein“). Zentrales Thema ist eher die Auslegung der buddhistischen Lehre mit einem Bezug zum Alltag. Jedes Kapitel schließt mit Vorschlägen zu Übungen, die man im Alltag praktizieren kann. Insofern hat dieses Buch einen praktischen und einen theoretischen Ansatz. Allerdings habe ich auch den Eindruck mitgenommen, dass es für einen Alltagsmenschen sehr herausfordernd sein dürfte, alle Übungen im Alltag zu praktizieren.

Die Darlegungen des Dalai Lama sind methodisch aufgebaut und kreisen um ein Ziel: Die Erlangung der höchsten Einsicht und dieses Ziel lässt sich gemäß des Dalai Lama systematisch erreichen. Wir können einen Weg beschreiten und für das Beschreiten dieses Weges möchte dieses Buch so etwas wie eine Landkarte sein, eine Orientierungshilfe in einer mystischen Landschaft des Buddhismus. Der Dalai Lama zeigt auf, wie jeder seine eigne innere Kompassnadel zur Orientierung in dieser Landschaft nutzen kann. Das Voranschreiten auf dem persönlichen Weg wird durch verschiedene Methoden unterstützt, die im Detail beleuchtet werden: Ethik, Meditation und nach innen gerichtete konzentrierte Sammlung, Herausbildung von Weisheit und Reinigung des Geistes.

Mit jedem Kapitel dringt man etwas tiefer in die Weisheit des Dalai Lama ein, die Worte entführen und berühren beim Lesen, die Themen werden beim Lesen umkreist und der Leser spürt, daß er sich sich einem unaussprechlichem Ziel annähert. Eine spiralförmige Annäherung an die eigene Selbstverwirklichung, meint man, findet beim Lesen statt. Es springt tatsächlich so etwas wie ein mystischer Funke vom Autor auf den Leser über. Das gibt es diese Bücher, denen diese unheimliche Macht innewohnt, die es dem Autor ermöglicht uns direkt zu berühren und zu erreichen.

Leider sind die Darlegungen nicht immer einfach zu verstehen. Stellenweise habe ich an der Übersetzung aus dem Amerikanischen gezweifelt. Zu viele Schachtelsätze behindern das flüssige Lesen. Aber so ein Buch möchte vielleicht eher studiert, als heruntergelesen werden. Es ist ein Buch, das man immer wieder in die Hand nehmen kann, um es aufzuschlagen und sich ein Gefühl der Orientierung zu geben.

In letzter Güte ist es also ein Buch, welches einen Funken überspringen lässt. Eins von jenen Büchern, die einen nachhaltigen und subtilen Eindruck hinterlassen und einen unterbewussten Einfluss erzeugen können. Beim Lesen springt der wohlwollende Geist des Dalai Lama auf uns über. Ein gutes Buch, welches es gut mit uns meint.