Donnerstag, 2. Juni 2011

Michael Moore: Stupid White Man


Gemäß dem Motto: „Zurück zu den Anfängen“ habe ich mich versucht zu erinnern und gefragt: Wie fing das damals alles an? Wie kamen die internationalen Truppen nach Afghanistan? Warum wurde gleich noch einmal der Irak besetzt? Ich musste wieder zu diesem Buch von Michael Moore greifen, da stand doch drin, wie alles begann. Es begann alles mit einem Idiot namens George Bush (genauer: Es gab zwei Idioten, die so hießen).



Der Untertitel dieses Buchs lautet: "Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush". Und das ist es: Es ist eine Abrechnung mit dem Amerika des angebrochenen 21. Jahrhunderts.

Das neue Jahrtausend fängt mit einem Paukenschlag an: Die letzte verbleibende Supermacht leistet sich ein Wahldebakel, das einer Bananenrepublik würdig wäre. Die Präsidentschaftskandidaten Al Gore und George ("Junior") W. Bush liefern sich ein Kopf an Kopf Rennen. Am Ende geht es nur noch um wenige hundert Stimmen, die darüber entscheiden, wer der mächtigste Mann der USA wird. Die Auszählung der Stimmen zur ersten amerikanischen Präsidentschaftswahl im neuen Jahrtausend geraten zum Fiasko. Die Wahl ist überschattet von Ungereimtheiten, wie z.B. nicht funktionierenden Wahlmaschinen oder einer nicht unbeträchtlichen Anzahl für ungültig erklärten Stimmen. Es kommt zu einer Nachzählung der abgegebenen Stimmen. Schließlich verbietet der oberste Gerichtshof eine weitere Nachzählung und George W. Bush wird Präsident der Vereinigten Staaten. Die Weltöffentlichkeit reibte sich die Augen. Was ist da eigentlich geschehen?

Michael Moore greift zu Beginn seines Buchs die damaligen Ereignisse auf und deckt eine Vielzahl erstaunlicher Tatsachen auf. Der Leser nimmt erstaunt zur Kenntnis, welche Fäden im Hintergrund von George W. Bush gezogen wurden, um an die Macht zu gelangen. Hierbei waren anscheinend "Papa Bushs" Verbindungen aus alten Präsidentschaftszeiten nicht unwichtig. Dieser Wille zur Macht zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Es hat nicht der gewonnen, der die meisten Stimmen bekam (was nach Meinung von Michael Moore der Präsidentschaftskandidat Al Gore war), sondern derjenige, der in den knapp fünf Wochen nach der unentschiedenen Wahl die besten "Maßnahmen" getroffen hatte, um das Zünglein an der Waage für sich selbst entscheiden zu lassen - eben George W. Bush. Der Autor macht von Anfang an keinen Hehl daraus, daß er nicht gerade der größte Anhänger von George W. Bush ist. Seine Anmerkungen sind von tiefster Ironie durchtränkt und gleiten sehr oft ins Spöttische ab. Michael Moore zeigt offen seine Verachtung für George W. Bush, den er in seinem Buch auch als "Verbrecher" und "Dummkopf" tituliert.

In einem offenen Brief, der an George W. Bush gerichtet ist, unternimmt Michael Moore einen Kurztrip durch die Vergangenheit von George W. Bush und deckt Erstaunliches auf. In seinem offenen Brief stellte er dem "Gouverneur Bush" (man beachte das Wortspiel, nicht dem "Präsidenten"!) ein paar Fragen. ("George, kannst Du lesen und schreiben wie ein normaler Erwachsener?", "Bist Du Alkoholiker, und welchen Einfluß hat das auf dein Verhalten als Oberbefehlshaber?", "Bist Du ein Verbrecher?"). Die Fragen beantwortet Michael Moore sogleich selbst. Unnötig zu erwähnen, daß George W. Bush hier nicht gut wegkommt. Michael Moore zeichnet das Psychogramm eines Muttersöhnchens, das immer alles in den Schoß gelegt bekommen hat, ohne es sich jemals selbst verdient zu haben. Dazu ist es ein noch recht ungebildetes und dummes Muttersöhnchen. Ein hartes Psychogramm. Denn schlussendlich steht George W. Bush schlichtweg als Trottel dar und die Botschaft lautet: Jeder Trottel kann Präsident in den Vereingten Staaten der heutigen Tage werden.

Michael Moore zieht mit seiner Kritik weite Kreise. "Stupid White Man" konzentriert sich nicht alleine auf das Bush-Amerika. Der Untertitel des Buchs ist insofern leicht irreführend. Auf über 300 Seiten bekommt auch der Vorgänger von George W. Bush sein Fett ab: Es gibt auch einen kleinen Ausflug in die Amtszeit von Bill Clinton, wobei Clinton mit seinem politischen Programm nicht besser dasteht, als George W. Bush (obwohl Clinton dem anderen politischen Lager angehört). Darüber hinaus beleuchtet Moore, wie es um diverse unterdrückte Minderheiten im heutigen Amerika bestellt ist (z.B. die schwarze Minderheit und die Stellung der Frau). Das amerikanische Schulsystem bleibt auch nicht verschont ("Eine Nation von Dummköpfen"). Die Umweltpolitik der USA bleibt ebenso nicht verschont ("Netter Planet, aber keiner da"). Die Menschenrechtssituation in den USA ("Ein großes glückliches Gefängnis") wird auch kritisch unter die Lupe genommen.

Michael Moore gönnt sich zudem den Luxus und unternimmt einen kurzen Ausflug ins weltpolitsche Geschehen und schweift kurz vom Hauptthema seines Buchs ab, denn der Bezug zum Bush-Amerika fehlt in diesem Kapitel so gut wie ganz. Weltpolitische Konfliktzonen wie Nordkorea, Ex-Jugoslawien, Israel und Nord-Irland werden von Michael Moore erklärt. Die bildhafte Sprache bewegt sich irgendwo zwischen Cartoon und Comic. Und der Leser ahnt, daß dies in etwa das Weltbild eines durchschnittlich gebildeten Amerikaners (Präsidenten?) sein soll. Und dann die Vorschläge zur Befriedung dieser konfliktbeladenen Teile der Welt. Was zuerst sehr naiv wirkt, entpuppt sich als ironisches und sehr lustiges Bild, das sich die amerikanischen Nation vom Weltgeschehen macht.

Fazit: Es ist erstaunlich, daß ein Amerikaner so über Amerika schreibt. Derart kritische Töne über das heutige Amerika sind eher aus anderen Lagern zu erwarten, weniger aus Amerika. Insofern ist es beachtenswert, dass Michael Moore so viel Abstand zu seiner eigenen Nation hat. Auch wenn "Stupid White Man" voller Polemik ist und manches zu dick aufgetragen wird, ist es vor allem ein lustiges Buch voller Ironie und Sarkasmus. Und gerade dort wo mit Ironie und Sarkasmus gearbeitet wird, insbesondere im politischen Raum, sollte man die Polemik nicht zum Gegenstand allzu genauer Kritik machen. Es ist auch ein Buch voll beißender Ironie und mit viel Humor . Zu lachen gibt es in diesem Buch genug und oft lacht man einfach nur das heutige Amerika aus. Insgesamt ein lesenswertes Buch.