Freitag, 6. August 2010

Tim Dowling – Ich hab nix gemacht

Als mir dieses Buch von einem guten Freund empfohlen wurde, war ich zweiundvierzig Jahre alt und hatte im rechten Zeh wiederkehrende Gelenkschmerzen. Ich tat das als einseitige Belastung ab, die ich mit meinem Laufsport in Verbindung brachte. Für mich ist das jedenfalls kein Zipperlein eines Mannes in den besten Jahren.

Nachdem ich Tim Dowlings Roman aufgeschlagen und die ersten Seiten gelesen hatte, musste ich schmunzeln. Die zentrale Romanfigur namens Giles Wareing wacht eines Nachts auf und hat üble Schmerzen im linken Zeh. Die Diagnose seiner Ärztin lautet Gicht. Wenige Seiten später muss er sich damit auseinandersetzen, daß sein vierzigster Geburtstag bevorsteht. (Lieber Björn, Du hast mir dieses Buch empfohlen und ich sehe Dich nun vor mir, mit einem verschmitzten Lächeln.)

Mit dem schmerzenden Zeh und dem Gefühl ein Mitvierziger zu sein, beginnt für Giles eine sich eigendynamisch entwickelnde Geschichte. Zunächst treten einzelne Ereignisse ganz sachte und zusammenhanglos in Giles routiniertes Leben ein und die Gicht ist der Auslöser für eine Veränderung seines Verhaltens. Giles ist freischaffender Journalist, der Artikel für eine lokale Tageszeitung verfasst. Ein Tages sucht er sich selbst über eine Suchmaschine im Internet und entdeckt eine böse Überraschung: Neben der Tatsache, daß er nicht nur Gicht hat und bald zum Club der Vierzigjährigen gehört, ist er vollkommen unbedeutend. Für die Suchmaschine gibt es ihn so gut wie gar nicht.

Giles verfeinert die Suche und entdeckt neben seiner Bedeutungslosigkeit noch etwas viel übleres, als es die Bedeutungslosigkeit sein kann, denn so bedeutungslos wie er denkt, ist er nicht: Er findet harsche Kritik an seiner journalistischen Arbeit. Weitere Recherchen fördern etwas zutage, was er nur schwer verdauen kann: Es gibt im Internet ein regelrechtes Giles-Hasser-Forum in dem diverse Menschen anonym über seine journalistische Arbeit herziehen. Es scheint sich um eine eingeschworene Gruppe von Giles-Antipanthen zu handeln. Giles macht sich auf die Suche nach der Wahrheit. Wer sind diese Menschen und warum machen Sie ihn zum Ziel ihres Gespötts? Dabei verstrickt sich Giles ständig in nebensächliche Geschichten, die zunächst nichts mit dem hauptsächlichen Handlungsstrang zu tun haben. Den Leser beschleicht zunehmend das Gefühl, daß es auf ein dickes Ende zuläuft und daß alle Nebensächlichkeiten aber doch irgendwie miteinander zu tun hat. Nur wie? Die Spannung strafft sich.

Ein spannender Roman, der im Alltag spielt und nichts Abgehobenes benötigt, um Kurzweil zu erzeugen. Die Figuren sind real und ungeschnörkelt. Jeder der Charaktere könnte unser Nachbar sein. Und Giles führt uns durch eine dicke Nebelwand hin zur Erkenntnis dessen, was das Internet an Überraschungen für uns und über uns bereithält. Die Schnittkante zwischen dem Internet und der „Wirklichkeit“ wird offenbar. Giles macht eine erstaunliche Entdeckung und sieht, daß es noch so vieles mehr zu entdecken gibt. Ein schön zu lesendes und erfrischendes Buch, das ich vorbehaltlos empfehlen kann.