Sonntag, 13. Februar 2011

Linus Torvalds – Just for fun

CPU PowerDies ist eine wahre Geschichte und authentische Biografie. Wir schreiben das Jahr 1991. Ein finnischer Student studiert an der Universität von Helsinki Informatik. Zu dieser Zeit sind Programme und Computer noch sehr teuer und für einen Studenten kaum zu bezahlen. Also muss sich der Student etwas einfallen lassen, um mit seiner knappen Kasse die nötigen Mittel für sein Informatikstudium zu beschaffen. Doch warum kaufen, wenn selber machen billiger ist? Also beschließt der Informatikstudent sich ein kleines Programm zu programmieren (ein Terminalprogramm), mit dem er Kontakt zum Universitätscomputer aufnehmen kann. Er möchte mit diesem Programm von zu Hause über die Telefonleitung die Ressourcen des Uni-Computers nutzen.

Torvalds schafft es sein kleines Terminal-Programm fertigzustellen und Verbindung mit dem Universitätscomputer aufzuunehmen, aber so richtig zufrieden ist er mit seinem selbst geschriebenen Programm auch nicht. Zu viele Funktionen fehlen noch. Man kann keine Dateien über die Telefonleitung up- und downloaden und noch so vieles mehr funktioniert nicht. Also entschließt sich Torvalds den Programmcode der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und bittet in einer Newsgroup einige Computerfreaks im Internet um Mitarbeit. Wer möchte kann Erweiterungen zu Torvalds Programm hinzu programmieren. Torvalds möchte kein Geld für sein noch junges Programm haben und überlässt den Programmcode der Öffentlichkeit.

Und siehe da: Es finden sich immer mehr Programmierer, die mitmachen. Programmierer aus aller Welt schicken Linus Torvalds ihre Programm-Beiträge. Fehlermeldungen und Verbesserungsvorschläge werden per eMail ausgetauscht. Es ist ein großes Projekt in Gang gesetzt worden, ohne daß Linus Torvalds dies vor hatte. Das Kommunikationsmedium des Projektes ist das noch junge Internet. Und die Projektmitglieder sind Menschen aus der ganzen Welt.

Tafburs DreamDas kleine Programm von Linus Torvalds wächst. Aus dem anfänglichen kleinen Terminalprogramm wird ein selbständiges Betriebssystem. Die erste Version wird am 17. September 1991 veröffentlicht. Knapp ein Jahrzehnt später (2003) laufen über die Hälfte aller Webvserver im Internet unter diesem neuen Betriebssystem, das in Anlehnung an den den Namen seines Erfinders Linux genannt wird. In der Zeitspanne von einem Jahrzehnt ist ein freies Betriebssystem gereift, das niemanden gehört, frei und kostenlos ist und an dem jeder mitarbeiten kann. Eine Revolution in Anbetracht der kommerziellen Alternativen. In „Just for fun“ wird die Entstehungsgeschichte von Linux durch die Augen des Erfinder betrachtet. Linus schildert in seinem Buch die letzten Jahre der Entstehung von Linux, von den ersten Anfängen bis zur nahen Gegenwart.

Das Bild vom scheuen Programmierer (Geek, Nerd), der keine sozialen Kontakte pflegt und der tagsüber die Sonne hinter dicken schwarzen Vorhängen aussperrt um ungestört programmieren zu können, wird in Linus Torvalds personifiziert. Die Geschichte seiner fachlichen Laufbahn beginnt mit einem jungen Mann, der dem Bild des Klischee-Geeks entspricht und entwickelt sich weiter zu einem gefragten Spezialisten, der in der Welt herumreist. Große Firmen laden ihn ein. Er hält Vorträge und arbeitet an diversen Projekten mit. Linus Torvalds wird zur Prominenz. Und je populärer Linux wird, desto mehr steht sein Erfinder Linus Torvalds im Mittelpunkt.

Spannung ( strain )In „Just for fun“ erfährt der Leser eine Menge interessanter Details zu Linux, Details die sich teilweise „hinter der Bühne“ abspielten. Wer weiß schon, daß Linus Torvalds sein Betriebssystem ursprünglich „Freax“ nennen wolte (und es auch im ersten halben Jahr der Entstehung tat)? Ein Student namens Ari Lemke hat Einfluss auf die Namensgebung genommen und dafür gesorgt, daß das neue Betriebssystem „Linux“ genannt wird. Und wer wusste schon, daß es ein Hacker namens Orest Zborowski war, dem es gelang den X-Server aus der Unix-Welt nach Linux zu portieren (das ist die Software, die für die grafische Benutzeroberfläche unter Linux zuständig ist). In Bezug auf den X-Server gibt es von Linus Torvalds eine interessante Randnotiz: „Es dauerte eine Weile, bis ich mich an die Existenz einer grafischen Benutzerschnittstelle gewöhnt hatte. Ich glaube, ich habe sie im ersten Jahr oder so nicht einmal täglich genutzt. Mittlerweile kann ich nicht mehr ohne sie leben. Wenn ich arbeite, sind immer Unmengen von Fenstern offen.“

Es ist schön diese Randgeschichten zu lesen und zu erfahren, was die Hintergründe zu der Software ist, mit der man arbeitet. Letztlich ist jedes Stück Software mit einer Biografie verbunden. Doch Linus Torvalds versteht sich selbst als Weltbürger und seine Ansichten schweifen oft weg von Linux, hin zu grundlegenden Fragen. Dann geht es recht ausgiebig und allgemein um Ansichten zu Softwarepatenten oder zu Lizenzformen, von Linux ist dann nur noch selten oder gar nicht die Rede. Torvalds gibt sich recht tolerant und es ist aus seiner Sicht alles erlaubt, solange es niemanden anderen schadet oder jemand zu etwas gezwungen wird. Mit seiner Forderung nach Zwanglosigkeit geht er sogar so weit, daß er sogar mit denjenigen abrechnet, die fordern daß alle Software frei sein sollte. Richard Stallmann bekommt sein Fett ab, der Erfinder der GPL (GPL = General Public License, die Lizenz unter der Linux veröffentlicht wurde und viele andere freie und offene Softwareprojekte). Linus Torvalds schreibt: „Die GPL ist insofern eine wunderbare Sache, als sie dafür sorgt, daß jeder mitspielen kann. Sie müssen sich den enormen Fortschritt nur mal vorstellen, den das für die Menschheit bedeutet! Aber heißt das, daß jede Innovation GPLt werden muss? Keineswegs! Das ist die Abtreibungsfrage der Technologie. Der einzelne Neuerer sollte selbst entscheiden können, ob er sein Projekt GPLen will oder lieber ein konventionelles Urheberrecht verwenden möchte.“

Goodbye Old ManDer Leser hat stellenweise das Gefühl, daß es in diesem Buch nicht nur um Linux geht, sondern um Ansichten des Lebens und der Gesellschaft in der wir uns befinden. Natürlich sieht Torvalds alles durch die Brille des Programmierers, aber oft sind seine Ansichten plattformunabhängig und nahezu auf jedes Betriebssystem anwendbar. Stellenweise gibt es pikante Äußerungen zu lesen, nach denen man sich verwundert die Augen reibt und die man noch einmal liest. In einer dieser Passagen schreibt er z.B. zum populären Thema „Raubkopien“: „Angenommen jemand verdient im Monat 50 Dollar. Darf man von ihm wirklich erwarten, 250 Dollar für Software zu zahlen? Ich finde nicht, daß er unmoralisch handelt, wenn er die Software verbotenerweise kopiert und für die gesparten fünf Monatsgehälter Lebensmittel einkauft. Diese Art von Copyright-Verletzung ist moralisch betrachtet in Ordnung. Und es ist unmoralisch – und dumm obendrein – den „Gesetzesbrecher“ zu verfolgen.“

Von der ersten Linux-Version bis zum Erscheinen der Biografie von Linux Torvalds vergingenen knapp zehn Jahre. Trotz der rasanten Entwicklung bleibt Linus erfrischend natürlich in seiner Denk- und Ausdrucksweise. Seine Gedankengänge lesen sich ganz nüchtern und es gibt keine Spur von Abgehobenheit. Es ist der Humor von Linus Torvalds, der dem etwas über deutlichen Hang zur Normalität etwas Glanz verleiht. Es ist kein Buch für jeden, denn es bedarf eines grundlegenden Verständnisses, welche Situation „da draußen“ in der Welt der Betriebssysteme besteht. Ohne diese Grundkenntnis würde dem Leser eine Dimension des Buches verschlossen bleiben und er würde es noch nicht einmal bemerken.