Samstag, 30. April 2011

Neal Stephenson – Cryptonomicon

Stil Life In My City #1 Um es vorweg zu nehmen: Cryptonomicon ist eines der besten Bücher, das ich bis jetzt gelesen habe. Ein echtes Meisterwerk. Die Geschichte dieses Buches ist nicht einfach zusammengefasst, denn es gibt mindestens vier Handlungsstränge und zwei Zeitebenen. In der Gegenwart wird der eigentliche Hauptstrang entwickelt, um den sich dann die anderen Handlungsstränge aus der Vergangenheit ranken: Zwei Computer-Freaks haben die Idee einen freien Internet-Hafen zu gründen, eine Art von freien Datenpool, der es ermöglichen soll, daß Daten fernab von jeglichen staatlichen Restriktionen frei und nach Belieben gespeichert werden können.

Die Idee wird weiter entwickelt und die beiden gründen eine Firma, deren Produkt eine virtuelle Internetwährung sein soll. Deren Ziel ist es, daß Geld beliebig digitalisiert und gespeichert werden und an jeden Ort der Welt übertragen und ausgezahlt werden kann. Dies aber in Form einer eigenen „Internet-Welt-Währung“. Natürlich zieht diese Idee das Interesse vieler lichter und dunkler Gestalten auf sich.


Nachdem ein Kapitel zu Ende gelesen wurde, beginnt das nachfolgende Kapitel in einem ganz anderen Kontext, in einer anderen Zeit mit anderen Personen und mit einer ganz anderen Geschichte. Das ist erst einmal etwas verwirrend und der Leser kann keine Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Geschichten herstellen. Nach den ersten hundertfünfzig Seiten hat der Leser bereits vier eigenständige Geschichten gelesen, die einander abwechseln.

Stil Life In My City #4Schließlich stellt sich jedoch heraus, dass es immer wieder die gleichen Charaktere sind, um die es geht: Lawrence Waterhouse, ein amerikanischer Kryptoexperte, der in den Wirren des zweiten Weltkrieges für die Entschlüsselung von deutschen und japanischen Funksprüchen zuständig ist. Waterhouse ist ein Vorfahre von einem der firmengründenden Computerfreaks, um die es in der Hauptgeschichte geht. Und dann wäre noch Alan Turing, ebenfalls Kryptoexperte, das britische Pedant zu Lawrence Waterhouse. Man beachte, dass Alan Turing eine real existierende Person war und als derjenige gilt, der den ersten vollelektrischen Computer gebaut hat.

Die beiden kommen durch das Entschlüsseln von japanischen und deutschen Funksprüchen einem riesigen Goldschatz auf die Spur, der von den Nazis und den Japanern als Goldreserven für die Zeit nach einer Kriegsniederlage angelegt wurde. Um den gleichen Goldschatz geht es aber dann auch wieder in der gegenwärtigen Geschichte. Die zwei Computerfreaks finden bei der Verlegung von Untersee-Kabeln ein geheimnisvolles Uboot, welches randvoll mit Gold ist und aus der Zeit des zweiten Weltkrieges stammt. Spätestens jetzt ist die Verbindung zu den Charakteren der Vergangenheit hergestellt und die Geschichte bekommt noch einmal eine Wendung. Der Spannungsbogen wird gut aufrecht erhalten. Nie bricht die Handlung ein, außer bei den eingestreuten mathematischen Rätseln, aber die stehen auch in Bezug zur Haupthandlung und sind amüsant zu lesen. Man bekommt als Leser immer wieder neue Informationen und das Gesamtbild verdichtet sich immer mehr. Das trägt dazu bei, dass man stets weiter lesen möchte. Der Leser hat immer wieder das Gefühl einem Geheimnis auf der Spur zu sein, das man vollständig ergründen muss. So gehört sich das für ein gutes Buch.


Magical TheatreNeal Stephenson Sprache ist sehr dicht und voller Bilder und Vergleiche. Seine Vergleiche sind oft sehr komisch, können aber auch von sehr poetischer Natur sein. Das ist es, was beim Lesen dieses Buches auch sehr gefällt: Man hangelt sich an prägnanten Bildern entlang, die gespickt sind mit Vergleichen, die man sich am liebsten alle merken würde. Das Ganze wirkt sehr meisterhaft und ist makellose Literatur. Die Handlung ist eine Mischung aus Action- und Agenten-Thriller, gewürzt mit einer Prise Verschwörungstheorie und ist mit für Computer-Freaks interessanten Elementen garniert. Hinzu kommt die Liebe des Autors zur Mathematik und wie der Titel verrät, ein thematischer Schwerpunkt des Buches ist die Kryptografie. Immer wieder gibt es amüsante und einleuchtende Rechenbeispiele, die ganz ohne abgehobene Mathematik auskommen. „Cryptonomicon“ ist ein sehr abwechslungsreiches Buch.

Die Bedeutung von verschlüsselten Nachrichten für das Weltgeschehen, insbesondere für den Verlauf des zweiten Weltkrieges wird stark hervorgehoben. Die Männer im Hintergrund des Krieges – Kryptografen und Mathematiker – waren im Prinzip diejenigen, die den Krieg entschieden haben. Der Leser erfährt nebenbei, wie die Enigma – die deutsche Verschlüsselungsmaschine – geknackt wurde und was für Folgen dies für den zweiten Weltkrieg hatte. Stellenweise fällt es aber schwer zu beurteilen, was Neal Stephenson erfunden hat und was wirklich Bestandteil einer authentischen Historie ist. Aber das macht nichts. „Cryptonomion“ ist ein Roman ohne Anspruch auf Authentizität. Die Fiktion ist eng mit der Realität verwoben. Mehr muss man nicht wissen. Zurück lehnen, lesen und sich gut unterhalten lassen. Es ist ein lehrreiches Buch, dessen über tausend Seiten lange Handlung makellos ist. Es ist schwierig solch einem gewaltigen Buch mit einer knappen Beschreibung gerecht zu werden. Letztendlich ist es ein sehr komplexes literarisches Werk, welches das Prädikat „meisterhaft“ verdient hat.